Von den Anfängen des Tourismus bis zur Gegenwart

Ubud – überwältigende Kremationsprozession und Feuerbestattung

feuerbestattung für verstorbene Grossmutter aus dem ehemaligen königshaus, ubud, bali 2006

 

Wir schreiben das Jahr 2006 und Susanne und ich entscheiden uns, nach 8 Jahren Unterbruch wieder nach Bali zu reisen. Schon bei Ankunft am Flughafen in Denpasar werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass am nächsten Sonntag in Ubud eine grosse, bedeutende Kremation stattfinden wird.

Es trifft sich gut, dass wir ausgerechnet am Samstag, dem Vortag der Kremation, nach Ubud reisen und im Hotel einchecken. Auch hier wieder der Hinweis auf die wichtige Kremation vom nächsten Tag.

Ueberwältigende Kremations-Prozession und Feuerbestattung

Eine Feuerbestattung ist das hinduistische Bestattungsritual, um die Seele eines Toten freizulassen, damit er in das obere Reich eintreten kann, wo er darauf warten kann, dass er wiedergeboren wird oder von den Zyklen der Wiedergeburten befreit wird. Die Balinesen betrachten die Einäscherung eines geliebten Menschen als eine Zeit des Feierns, und dies ist ein Grund, warum die Zeremonie für Außenstehende so bemerkenswert ist.

Es ist ein grosses Stück Weg bis ich im ehemaligen Königspalast bin, aber unterwegs ist die Strasse schon sehr stark belebt mit Balinesen, die am Strassenrand warten. 

Der Sarg mit dem Leichnam (mit rotem Tuch) wird aus dem Palast getragen

Ich bin rechtzeitig am Palast und sehe, wie der mit einem weissen Tuch bedeckte Sarg zur obersten Stufe des verzierten Begräbnisturms hinaufgetragen wird. Je höher und mehr Stufen der Turm hat, desto wichtiger und angesehener ist der/die Verstorbene. Da die Verstorbene dem Königshaus angehörte, muss er neun Stockwerke haben und es können bis zu 100 Personen erforderlich sein, um ihn herzustellen. Um den Sarg in die oberste Nische einzubetten, musste eine spezielle Rampe gebaut werden und oben angekommen, benötigt es akrobatische Einsätze der Männer, die teils aussen an den Bambusstangen mit einer Hand sich festhalten und mit der andern versuchen mitzuhelfen, um den Sarg in die richtige Position zu bringen.

Eine Rampe führt zum Begräbnisturm

Es sind schon unzählige und prachtvoll gekleidete Gruppen anwesend, die sich  für die Prozession bereitstellen und es strömen immer mehr festlich gekleidete Menschen zusammen.

Bevor die Prozession aber beginnt, fährt ein Löschfahrzeug der Feuerwehr die Strecke ab und reinigt die Strasse mit Hochdruck. Ich erfahre, dass dadurch die Seele der Verstorbenen einen freien und sauberen Weg bis zum Kremationsort “begehen” kann.

Der verzierte Begräbnisturm wird nun in einer beeindruckenden, lebendigen Parade über mehrere Kilometer bis zum Verbrennungsplatz getragen. Er befindet sich auf einem riesigen Bambusgestell, das von bis zu 50 und mehr Männern auf ihren Schultern getragen wird. Unterwegs werden die Träger immer wieder durch neue Teams abgelöst. 

Ich bin in guter Position am Strassenrand und erlebe, wie die unwahrscheinlich lange Prozession vor meinen staunenden Augen vorbeizieht: 

Frauen in bestickten Blusen und mit duftenden Blüten im Haar balancieren grosse Körbe voll Opfergaben auf ihren Köpfen. Je nach Grösse tragen 50-100 Männer auf ihren Schultern riesige Figuren von Löwen und Kühen auf Bambusstangen. Mitglieder von verschiedenen Musikgruppe schlagen in rasendem Tempo Tschinellen und kleine Gongs. Angetrieben von dieser rhythmischen Musik, vollführen die Männer mit den den Tierfiguren ruckartige Wellenbewegungen und drehen sich um die eigene Achse. 

In diesem kuhförmigen Sarkopharg wird der Leichnam gelegt für die Verbrennung

Ich stehe oft sprachlos da, überwältigt von den Eindrücken und vergesse vor lauter Faszination fast diese Momente mit der Kamera festzuhalten.

Am Schluss der Prozession haben nun die am Strassenrand wartenden Personen die einzigartige Möglichkeit, sich dieser Prozession bis zum Verbrennungsplatz anzuschliessen, sodass ich diese Gelegenheit noch so gerne benutze. Inmitten dieser balinesischen Menschenmenge – ich kann nur sehr vereinzelte Touristen ausmachen – und getragen von der Atmosphäre und den Klängen fühle ich mich plötzlich wie in Trance und in einer anderen Welt, ein einmaliges Gefühl, an einer solch speziellen, feierlichen Kremations-Prozession selber mitgehen zu dürfen. Bei einem leichten Gefälle der Strasse eröffnet sich mir ein unbeschreibliches Bild: Die ganze Strasse ist prallgefüllt mit Menschen soweit das Auge reicht. 

Die riesige Menschenmenge füllt die Strassen auf dem Weg zum Verbrennungsplatz

Der kuhförmige Sarkophag wird angezündet
Am Verbrennungsplatz angekommen, wird der Leichnam in einen nach einer Kuh geformten Sarkophag eingebettet, der sich unter einem grossen Baldachin befindet. (Frauen kommen in eine hölzerne Kuh, Männer in einen hölzernen Stier). Ich ergattere – eingepfercht zwischen Balinesen – am Rand des grossen Platzes etwas erhöht eine Möglichkeit, der eigentlichen Verbrennung hautnah beizuwohnen. Es folgen unzählige langatmige Zeremonien und Gebete vom Hohepriester vorgetragen. 

Der Leichnam wird sorgfältig eingebettet

Dann, nach langem Warten durch unendliche Gebete, wird nun der Sarkophag vom Hohepriester angezündet.

Es ist ein bewegender Moment zu sehen, wie sich der Sarkophag langsam in ein riesiges Feuer verwandelt.

Ich bleibe lange, sehr lange – einer solchen überwältigenden Bestattungszeremonie beizuwohnen ist einmalig und werde ich kaum ein zweites Mal erleben können. Tief beeindruckt und fasziniert kehre ich zum Hotel zurück. Am nächsten Tag habe ich vom Hotelpersonal erfahren, dass über 200’000 Menschen dieser Kremations-Zeremonie beigewohnt haben. Für uns unvorstellbare Dimensionen. 

 

 

 

 

 

 

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